Dass aus einem einfachen „Griaß di“ rund 10.000 km von Zuhause entfernt einmal eine tiefe Freundschaft entstehen würde, das hatte wohl niemand ahnen können. Als Maria Hauser, heutige Junior-Chefin im Stanglwirt, nach ihrem Studium in einem Luxushotel in San Diego als Trainee anheuerte, kam es an ihrem ersten Arbeitstag zu einer ganz besonderen Begegnung – die bis heute prägend ist und zeigt, wie man Tiroler Tradition zur Weltsprache macht.
Maria Hauser ist keine Gastgeberin nach Lehrbuch – sie ist es mit jeder Faser. Wer sie heute im Gespräch erlebt, versteht schnell, warum das berühmte Bio-Resort am Wilden Kaiser weit über die Landesgrenze hinaus gleichermaßen bekannt und beliebt ist. Als wir an diesem Nachmittag in der Lobby einen Kaffee zusammen trinken, gerät sie ins Schwärmen.
„Willkommen daheim“ ist dabei mehr als ein Slogan. Es ist ein Lebensgefühl, das unmittelbar beim Betreten des Hauses spürbar wird.
„Wir hatten immer starke Frauen bei uns im Stanglwirt“, erinnert sie sich. „Unsere Großmutter Anna und deren Vorgängerin waren Wirtinnen mit Leib und Seele und damals schon visionäre Frauen“. Und auch Maria durfte bereits als 13-Jährige den hoteleigenen Kinderbauernhof mitgestalten. „Da ich ja exakt im Alter der Zielgruppe war, dachte sich unser Vater er bindet mich gleich in den Kreativprozess mit ein und setzte dann wirklich alle meine Ideen um“, sagt sie mit einem Strahlen.

Überhaupt sei der Familie wichtig, dass der Stanglwirt kein Hotel im klassischen Sinne ist, sondern vielmehr ein Zuhause. „Das war meinem Papa immer wichtig“, betont Maria. Bereits in 11. Generation führt die Familie Hauser den Stanglwirt mit Herz und Seele. „Willkommen daheim“ ist dabei mehr als ein Slogan. Es ist ein Lebensgefühl, das unmittelbar beim Betreten des Hauses spürbar wird. Liebevolle Details, die herzliche Begrüßung und der konstant hohe Anspruch an die eigene Qualität sprechen für sich – und die vielen Stammgäste.
Aristokratische Lässigkeit und alpine Moderne
Schon Soraya, Kaiserin von Persien zählte einst zu den Gästen und saß ganz nonchalant in ihrem eleganten Mantel neben den Bauern am Tisch im Gasthaus, erzählt Maria. Es sind eben jene Anekdoten, die diesen Ort mit Leben füllen. Die Geschichten, die hinter jeder Ecke lauern und nur darauf warten, erzählt zu werden. Das neue Restaurant „Leni´s“ benannt nach einer weiteren stolzen Bäuerin und Gastgeberin, der Mutter der heutigen Stanglwirtin, Magdalena Hauser, ist eine behutsame Weiterentwicklung des historischen Erbes – ohne die Wurzeln zu verlieren.
Serviert wird alpin-mediterrane Küche mit einem modernen Twist. So kommen fermentierte Tomaten mit Basilikum-Sorbet oder Vitello Tonnato mit Thunfisch-Tataki auf die Teller. Ein Rinderfilet, das zarter nicht sein könnte, ein Wolfsbarsch in der Salzkruste und: neapolitanische Pizza. Weil Pizza nicht einfach Pizza ist. Ein eigens hergestellter Teig. Lange Teigruhe und dann für nur 90 Sekunden in den Schamottofen bei 400° Grad. Der Pizzaiolo gehört übrigens zu den Top 3 in Europa. Schmeckt man.
Das Fundament: Die eigene Landwirtschaft – vom Kuhstall in den Kupferkessel
Szenenwechsel. Mit Johannes, Marias Bruder und ebenfalls Junior-Chef und Leiter des Food-&-Beverage-Bereichs im Stanglwirt, stehe ich in der hauseigenen Käserei. 140.000 Liter Milch werden hier jährlich zu rund 10 Tonnen Käse verarbeitet. Topfen, Frischkäse, Joghurt – alles stellt Käsereichefin Anna selbst her; die Milch wird tatsächlich direkt von den Kühen in den Kupferkessel gepumpt. Frischer geht nicht.
Tilsiter, Bergkäse, Almkäse oder der beliebte Trüffelkäse – alles reift in der „Schatzkammer“ und kommt zum Beispiel auf den Frühstückstisch. Oder landet pur in meinem Bauch. Köstlich! Das „Farm to Table“- Konzept wird ernst genommen, nicht nur beim Käse. Johannes Hauser bringt aus seiner Erfahrung, die er während seiner Zeit im legendären Hotel „Halekulani“ auf Hawaii gesammelt hat, immer wieder neue Ideen mit ein: Weg von der klassischen Halbpension, hin zu mehr Genuss und Individualität.
Ein Dreiklang im Glas
Die spielt auch beim Wein eine große Rolle. Gemeinsam mit dem Weingut Tement aus der Steiermark hat Johannes zwei Weine gekeltert. Einen für die Region typischen Sauvignon Blanc und einen Gelben Muskateller. Eine alte Rebsorte, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. „Dreiklang“, heißt der Wein. Auch das kommt nicht von ungefähr. „Unsere Eltern und Urgroßeltern haben schon immer gerne im Trio gesungen“, erklärt Johannes.
Heute führen die drei Geschwister Maria, Elisabeth und Johannes als Junior-Chefs den Stanglwirt. Nur mehr konsequent, dass das hauseigene Restaurant eben jenen Namen trägt – auch wenn man natürlich nicht nur ein Drei-Gang-, sondern auch ein Sieben-Gang-Menü bestellen kann. Jeden Tag anders, jeden Tag frisch und eine Weinkarte mit rund 600 Positionen. Man müsste also eine Weile bleiben, um all jene zu kosten.
Vom Luxus man selbst zu sein
Wenn man Glück hat, ergattert man zum Mittagessen im Gasthof Stangl einen Tisch mit Blick auf den Kuhstall. Das ist urig und irgendwie besonders. Die Kühe Betty und Senta haben es mir angetan. Wir halten lange Blickkontakt und ich habe den Eindruck, die beiden fühlen sich hier genauso sehr zuhause wie ich.
Was ist es also, dieses besondere „Stanglwirt-Gefühl“, das von Jessica Alba über Gwyneth Paltrow und von München bis nach Amerika alle in seinen Bann zieht? „Es ist die ehrliche Freundlichkeit“, sagt Johannes. „Wir sind, wie wir sind, und wir wollen, dass genau solche Leute auch zu uns kommen“. Charles Darwin nannte das vor 160 Jahren „natürliche Selektion“. Oder, um es in den Worten von Joko Winterscheidt zu sagen: „Der Stanglwirt ist Arschlochfreie-Zone“, verrät mir Johannes mit einem Augenzwinkern. Und so kommen hier Menschen zusammen, die eines eint. Der Luxus, sein zu dürfen, wie man ist. Eine Herzlichkeit, die verbindet und die Liebe zu gutem Essen. Eingerahmt vom Panorama des Wilden Kaisers – der eben jene Ruhe und Beständigkeit ausstrahlt, die im Stanglwirt immanent spürbar ist.

Wo der Berg die Hausordnung schreibt
„Mein Papa nannte unsere Suiten nicht ohne Grund „Kaiserbogen“, verrät mir Maria. Er war damals einer der ersten, der die Zimmer zum Berg hin – also gen Norden – ausrichtete. Eigentlich ein Unding, aber er war von der Schönheit des Berges so angetan, dass er ihn regelrecht umarmen wollte“, erklärt mir Maria. Am nächsten Morgen werde ich an jenem Kaiserbogen mit einer dampfenden Tasse Kaffee sitzen, während sich die Sonne schräg hinter dem Haus empor hebt und den Wilden Kaiser in ein goldenes Licht haucht. Und ich werde ihn umarmen.

Aus dem „Griaß di“ ist ein Servus geworden und Maria zeigt mir zum Abschied ein Bild von ihr und Arnold Schwarzenegger. Wer weiß, was passiert wäre, hätte sie damals nicht „Griaß di, ich bin die Maria“ zu Arnold gesagt. Manchmal braucht es 10.000 Kilometer Distanz, um zu verstehen, wie tief die eigenen Wurzeln wirklich reichen. Und wie weit die Tiroler Herzlichkeit ausstrahlt. Der Rest ist Geschichte. Und Arnold nicht nur Stammgast, sondern Wegbegleiter.





